Es hat schon seine Vorteile auf dem Land zu wohnen

6.34 Uhr.

Sonntag morgen.

Der Zug fährt an.

Endlich nach Hause. Raus aus der Stadt weg von dieser Geschäftigkeit.
Es hat schon seine Vorteile auf dem Land zu wohnen, denke ich, da ist es jetzt schön ruhig und unstressig. Wenn ich mir vorstelle ich müsste in die andere Richtung fahren und jetzt hier in diesem Trubel ankommen, …

Der Zug verlässt den Bahnhof.
Um diese Uhrzeit gleicht der einem Zirkus. Da triffst du sie alle: Bunt und aufgeregt, laut und aufgedreht. Und Alkohol!

Fort! Fort von dieser Hektik. Go west sozusagen!
Ich hab mein Ziel im Rücken und blicke zurück.
Über den Dächern der Stadt die wir langsam hinter uns lassen, beginnt ein kleiner roter Punkt sich Bahnzubrechen und malt, je mehr er hinter dem Fernsehturm hervorlugt einen sanften orangenen Rahmen über eine dunkle Häuserfassade.
Wie ein Regenbogen legen sich langsam aber doch immer dichter warme, farbige Streifen darüber. Fast zerstäubt wirkt das helle Blau, das von einem Türkis umgarnt wird, das man sonst nur von den Urlaubskarten aus der Karibik kennt, Club Medina oder so.
Mein Blick bleibt kurz hängen.

Der Fernsehturm ist inzwischen so klein, dass ich ihn bequem mit meinem kleinen Finger verdecken kann. Die Häuser werden kleiner, die Bäume häufiger und es scheint fast so, als schiebt dieser kleine rote Punkt mit aller Vehemenz die tiefblauen Vorhänge der Nacht nach oben.
Es hat schon seine Vorteile auf dem Land zu wohnen, denke ich, sonst könnte ich das hier jetzt nicht sehen – zum Beispiel.
Die Fassade hinter der das Licht auch die letzten Zweifel ausräumt, verschmilzt mit dem Horizont, die Umrisse werden zu klaren Bildern Stück für Stück und werden dann doch schnell wieder winzig und unklar.
Die Streifen am Himmel werden immer größer, kräftiger und mittendurch zieht sich eine unscheinbare und doch deutliche, milchschaumartige Linie, so als hätte Gott sie mit einem feinen Pinsel ganz bewusst dort hingemalt.
Ich muss schmunzeln.
Hm, könnte auch Menschenwerk gewesen sein, denke ich, vielleicht eine Art Smog oder so. Was so eine Stadt an Hitze und CO2 produziert durch Häuser, Fabriken, Autos das muss doch irgendwie zu sehen sein. In Amerika gibt es Städte die man im Sommer in ihrem eigenen Smog höchstens erahnen kann! Und in China, oder Indien, … die Entwicklungsländer werden industriell bald noch weiter wachsen, mit all den klimatischen Folgen …ich will mir das gar nicht ausmalen …
Wir leben doch heute schon auf die Kosten der Menschen nach uns. Dabei wäre es doch unsere Aufgabe …! Gut, wir müssten unser Leben wahrscheinlich schon drastisch ändern, aber wenn’s den Planeten rettet!?
Die Politik versagt ja auch total auf diesem Gebiet, die kommen immer mit dem Argument der Arbeitsplätze, so ein Käse!!! Als würde eine zukunftsorientierte Klimapolitik Stellen kosten. Sie tun so, als bräuchte man für die Herstellung eines deutschen Autos mehr Arbeitskräfte, wenn es umweltschädlicher ist. Was für eine Milchmädchenrechnung!
Da bräuchte es viel mehr Mut. Und die Wirtschaft? Pf, kaufen sich frei oder winden sich mit irgendwelchen fragwürdigen Ausreden raus. Es ist echt erschreckend. Wir kleinen Leute sind’s dann wieder, die das ausbaden müssen!

Ich schaue mich um: Peter liegt neben mir und schläft, gelegentlich schnarcht er kurz auf – vielleicht besser als wenn er wieder mit seinen 8+x – Bier – Geschichten anfängt. Juttas Makeup ist verschmiert, ihr Gesicht liegt zerknittert auf ihrer Jacke. Sabbert sie etwa? Uh, ob sich der hübsche Braunhaarige jetzt, so noch für sie interessieren würde? Naja, seine Nummer hat sie ja schon ausgecheckt.
6.49 Uhr.
Ich will doch einfach nur ins Bett.
Noch 20 Minuten.
Was mache ich hier eigentlich?
Ich blicke aus dem Fenster.
Der Fernsehturm ist verschwunden.
Es ist hell.
Einfach so!
So ein Mist, denke ich bei mir, die Medien haben mich so verrückt gemacht mit dem Gerede vom Klimawandel, dass ich mir irgendwelche komischen Gedanken gemacht habe, anstatt dieses Naturschauspiel zu genießen!
Dass ich mich von so was aber auch immer beeinflussen lassen muss!

Ein Gedanke zu „Es hat schon seine Vorteile auf dem Land zu wohnen“

  1. Netter Artikel über den „schlimmen“ Klimawandel. Bin echt mal gespannt, was da wirklich kommt, bisher sieht man ja noch nicht so viel.

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